Poem of the day

Die Glockenjungfern
by Carl Spitteler (1845-1924)

Die Glockenjungfern schwingen
Sich hoch vom Turm und singen
Ein Morgenjubellied im Chor.
Kein Engelmund tönt reiner,
Je ferner, desto feiner,
Und niemals fehlt ihr kluges Ohr.

Verknüpft die Schwesternhände
Zur Kette, ohne Ende,
Blüht durch das Blau der farbige Kranz.
Auf Schlüsselblumenmatten
Segelt ihr Wolkenschatten
Rainauf, rainab im flüchtigen Tanz.

Frühling und Lerchenlieder —
Sie jauchzen alles nieder,
Siegreich behauptend ihren Ton.
Die Sonne horcht von oben,
Das Echo möchts erproben,
Versuchts und wiederholt es schon.

Der Wanderer im Staube
Erhebt das heiße Auge,
Lächelt und hemmt den müden Schritt.
Doch längs dem Weg die Wellen,
Die durch das Bächlein schnellen,
Laufen in flinken Sprüngen mit.

Da mahnt vom Turm ein Zeichen
Ein plötzliches Erbleichen,
Und alles heimwärts stürzt und drängt.
O weh! der Jungfern kleinste,
Die Liebliche, die Feinste
Ist von dem Reigen abgesprengt.

Sie huscht auf leisen Sohlen,
Die Schwestern einzuholen,
Den Finger ängstlich an dem Mund.
Jetzt langt sie an mit Zagen —
Ein Taubenflügelschlagen —
Schlüpft ein uns stille wird im Rund.

Horch! welch Posaunenschweigen!
Die Lüfte kreisen, steigen
Und lauschen nach dem Turm vereint,
Ob irgendwo ein Röckchen,
Ein Zipfel oder Söckchen
Der Glockenjungfern noch erscheint.

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